Vertrauen – ein Märchen?

Die Lebensmittelbranche, dazu gehört selbstverständlich auch die Weinbranche, entwickelt sich immer mehr in eine Richtung, welche zu denken Anlass gibt. Aus diesem Grund möchte ich aus dem Januarbrief 2008 der Firma Reichmuth von Reding zitieren:

Vertrauen – ein Märchen?
Es gab einmal eine Zeit, da wusste man Bescheid über die Beschaffenheit von Lebens- und Genussmitteln. Der Weg vom Produzenten zum Konsumenten war kurz, die Auswahl überblickbar. Diese Nähe schuf Vertrauen.
Die Entwicklung der Lebensmitteltechnologie, getrieben vom Machbarkeitswahn und eingebettet in die Dimension «Globales Handeln» liess dieses Vertrauen schwinden. Nur scheinbar wird die Distanz zwischen den Akteuren überwunden durch Technik und Rasanz. In Wirklichkeit sind sie der Ausfluss der menschlichen Neigung alles beherrschen zu wollen. Diese Haltung ist aber kein Nährboden für Vertrauen. So mutiert dieser Begriff immer mehr zur Münze ohne Wert – von PR-Agenturen auf echt poliert, von Medien auf falsch skandalisiert.
Seitdem man Gott auf Erden aus dem Spiel lässt, ist der Mensch das Mass aller Dinge. Das mag die Vernunft aufgewertet haben, doch leider hat auch die Masslosigkeit zugenommen, mit der Wenige auf Kosten von Vielen profitieren. Diese Vielen hätten wohl Macht, daran etwas zu ändern. Aber Denken und Handeln sind mühsam, solange man satt ist. Also überlässt man die Verantwortung dem Kollektiv – dem Staat und seiner Verwaltung, Brutstätte unzähliger Vorschriften und Gesetze, deren Leitidee nicht das Schaffen von Vertrauen ist, sondern von Sicherheit. Davon profitiert eine wachsende Sicherheitsindustrie mit der Schaffung von Labels, Zertifikaten, Analysen und Dienstleistungen aller Art. Aber auch diesem Tun eingeschrieben ist der Hang zur Masslosigkeit, denn Sicherheit gibt es nie genug. Brennende Haufen toter Rinder oder eine zunehmend rigide Überwachung der Privatsphäre sind nur zwei Beispiele staatlicher Vorsorge, die sich im selben Mass ausweitet, wie sich die Menschen gegenseitig den Boden des Vertrauens entziehen. Auf der Strecke bleibt die Freiheit, von der Politik dargestellt als Gewinn von Sicherheit und in dieser Fassung vom Wahlvolk akzeptiert. Süss scheint das Gift der Entmündigung zu sein und sauer die Mühsal der Selbstsorge. Das zeigt sich im Alltäglichsten: Wer ein Joghurt am Tag nach dem aufgedruckten Verfalldatum wegwirft, handelt im Sinne des Systems (und der Milchwirtschaft), aber auch gegen sich selbst, weil eine einfache Schulung der eigenen Urteilskraft vertan wird: Statt die eigene Nase urteilen zu lassen, delegiert man die Entscheidung an die Willkür eines aufgedruckten Datums.
Sollen wir nun einfach zur Tagesordnung übergehen und uns unter dem Titel «Menschliches, Allzumenschliches» entspannt zurücklehnen?
Die Sache ist halt die, dass der blinde Glauben an das, was von korporativen Grossgebilden – Staaten und Unternehmen – respektive deren Chefpersonal angezettelt wird, inzwischen Folgen hat wie in Goethes «Zauberlehrling» gedichtet: «Die ich rief, die Geister, wird’ ich nun nicht los!»
So werden in der Schweiz jährlich Zehntausende Tonnen noch guter Lebensmittel weggeworfen.


Was hat dies alles mit Wein und Aproposwein zu tun?
Auch in der Weinindustrie gab und gibt es Skandale. Man muss sich fragen, ob die neuste Entwicklung im Zusammenhang mit der Zulassung von Eichenchips nicht ein Skandal ist. Mit der Verwendung von Eichenchips anstelle von Holzfässern findet eine eigentliche Täuschung des Konsumenten statt, ohne dies deklarieren zu müssen. Es ist ein Hohn, dass wir inzwischen soweit sind, dass es Negativdeklarationen braucht, um darzulegen, dass der Wein auf natürliche Art und Weise hergestellt wurde.

Wir als Konsumenten entscheiden, wie und wo wir Einfluss auf Entwicklungen wie diese nehmen wollen!!!

Somit sind wir wieder bei der Frage angelangt: Vertrauen – ein Märchen?
Wer beim Weinkauf sicher gehen will, dass er «authentischen» Wein kauft, hat zwei Möglichkeiten. Entweder der Einkauf direkt beim Produzenten, um sich vor Ort ein Bild zu machen, oder bei einem Weinhändler, zu dem man Vertrauen hat.
In diesem Sinn wünsche ich Euch viel Freude beim Aussuchen und Kaufen von Wein.




Wann ist ein Wein ein guter Wein?

Gibt es gute und gibt es schlechte Weine? Ein Produzent hat einmal dazu gesagt: «Es gibt keine schlechten Weine, es gibt nur das falsche Essen dazu». Ganz so krass würde ich es nicht formulieren, aber die Denkrichtung stimmt für mich.

Wann und wo trinken wir Wein? Bei uns in der Schweiz ist der Wein zwar kein Lebensmittel mehr, wie er dies früher in den weinproduzierenden Gegenden war, er wird aber trotzdem hauptsächlich zum Essen getrunken. Was erwarten wir von einem Wein zum Essen? Er muss passen. Ein sehr dehnbarer Begriff. Es gibt Weine, die «passen», weil sie unbemerkt zum Essen getrunken werden können. Dies kann aber nicht die Idee von «passen» sein. Wenn der Wein wirklich passt, so ergibt sich ein doppeltes Vergnügen. Das Essen erhält durch den Wein eine neue Dimension, eine zusätzliche Komponente. Der Wein wird durch das passende Essen herausgefordert, er muss sich messen, ergänzen, er läuft zu ungeahnten Höhen auf. Wenn es wirklich passt, schmeckt beides besser. Dies ist die wahre Harmonie.

Leider sind diese Verbindungen eher selten. Es gibt viele Gründe woran das liegt. Die Auswahl an Speisen und Weinen ist in der heutigen Zeit sehr viel grösser geworden. Dies erschwert die Kombination, weil sich sehr viel mehr Möglichkeiten ergeben und weil auch ganz neue Geschmackskomponenten hinzukommen. Es ergeben sich aber auch neue spannende Kombinationen, wie zum Beispiel asiatische Gerichte und leicht süsse deutsche Rieslinge.

Zurück zur Frage: «Was ist ein guter Wein?» Der Wein soll das Essen begleiten, nicht dominieren. Wir wollen und können uns nicht täglich gastronomische Höhenflüge leisten, dementsprechend muss es auch Weine geben, welche zur Alltagsküche passen. Sei dies nun eine Pizza, Teigwaren oder Kartoffelstock.

Wenn ich die Entwicklung der Weine in den letzten Jahren betrachte, so stelle ich fest, dass der Alkoholgehalt der Weine stetig gestiegen ist. Wo findet man heute noch gute Weine mit 12% Alkohol oder weniger? Auch nimmt der Einsatz von Eichenholz oder zumindest Eichenchips immer mehr zu. Leider ist es aber so, dass diese Weine häufig zu mächtig ausfallen und zur Alltagsküche nur schlecht passen. Es stimmt schon, dass sie für sich alleine probiert besser munden, weicher über den Gaumen fliessen und dementsprechend einfacher zu verkaufen sind. Es sind aber die etwas verhalteneren, einfacheren Weine ohne Eichenparfüm, welche dann zum Essen mehr Freude bereiten und auch schneller leergetrunken sind. Einfach ist hier nicht im Sinne von Gewöhnlich gemeint, sondern aus gutem Traubenmaterial und mit möglichst wenig kellertechnischen Eingriffen.

Ich breche eine Lanze für die einfachen, ehrlichen, ungekünstelten Weine. Noch gibt es sie, aber sie sind bedroht von einer sich immer mehr globalisierenden Welt, wo alles nur noch billig und modisch sein muss. Wenn wir zu solchen Weinen nicht Sorge tragen, sprich sie auch trinken, gibt es sie vielleicht schon bald nicht mehr.

Bin ich froh, dass ich keinen Wein verkaufen muss!!!






aproposwein
Johannes Anklin
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